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Katholizismus und Moderne: Verstrickt im Netz demo- kratischer Öffentlichkeiten. Historisch-systematische Anmerkungen zu einer produktiven Aporie

Hermann Josef Große Kracht

Abstract


In den öffentlichen Debatten um die »Renaissance der Religionen« wird u.a.
deutlich, dass das Verhältnis der modernen Gesellschaften zu den fortbe-
stehenden Religionsgemeinschaften in ihrer Mitte bis heute keineswegs ge-
klärt ist. Dies gilt partiell auch für den Katholizismus, die sich zunächst auf
ein strikt ultramontan-antimodernistisches Selbstverständnis festgelegt hatte,
heute aber zu einem wichtigen Unterstützer der Menschenrechte und der De-
mokratie geworden ist. Der Beitrag zeichnet zunächst nach, wie der deutsche
Katholizismus im 19. Jahrhundert gleichsam in eine »Öffentlichkeitsfalle« geriet,
die ihm ungewollte, aber wichtige Lernerfahrungen mit der politischen Moderne
vermittelte. Dadurch integrierte er sich zusehends in das Profil einer demokra-
tischen Republik, trug aber auch dazu bei, dass diese selbst ebenfalls ungewollte,
aber wichtige Lernschritte im Umgang mit kultureller Pluralität und religiöser Dif-
ferenz vollzog. Anschließend wird dann knapp das mit der Französischen Revo-
lution entstandene Leitbild einer strikt säkular verfassten Staatlichkeit rekon-
struiert, die sich im Namen der Demokratie von allen religiösen bzw. ersatzre-
ligiösen Legitimationsquellen des Politischen emanzipiert, ohne sich deshalb als
ein laizistisch-liberaler Weltanschauungsstaat verstehen zu müssen. Auf dieser
Grundlage wird es möglich, das Verhältnis der Republik zu den Religionen nicht
als Konkurrenz, sondern als prinzipiell produktive Komplementarität zu fassen.
Damit lassen sich Perspektiven gewinnen, die eine selbstbewusste staatliche
Säkularität mit einer zivilgesellschaftlichen Religions- bzw. Religionenfreund-
lichkeit verbinden und dazu beitragen können, in den gegenwärtig oft überhitzt
geführten Debatten um den Umgang der Demokratie mit wiedererstarkten Re-
ligionen »einen religionspolitisch kühlen Kopf« zu behalten.

In current debates about the «renaissance of religions» it becomes – amongst
other things - apparent that to this day the relationship of modern societies to
the persisting religious communities in their middle has by no means been
clarified. This can also be applied partially on the Catholicism, which initially
had committed itself to an ultramontane and anti-modernistic self-conception,
has in these days turned into an important supporter of human rights and demo-
cracy. This article lines out how in the 19th century the German Catholicism
fell into a «publicity trap», which imparted unwanted but important learning
experiences with the political Modernity. Therewith, Catholicism visibly blend-
ed into the profile of a democratic republic, but also contributed to the republic's
development of making unwanted but important steps of learning in dealing with
cultural plurality and religious diversity. Afterwards, the mission statement - which
developed with the French Revolution – of a strict secular composed statehood
will be reconstructed tersely. In the name of democracy the statehood had eman-
cipated itself from all religious and replacement religious legitimation source of
politics, without having to understand itself as a secular-liberal philosophy country.
On this basis it is possible to comprehend the relationship of the republic to the
religions not as a competition but as a basically productive complementarity. With
this perspectives can be gained, which connect a selfconfident state secularity with
a civil societies religion - or religions-friendliness. Those perspectives can contribute
to keeping «a religious political cool head» in the current often overheated debate
democracy's way of dealing with strength regaining religions.

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DOI: http://dx.doi.org/10.18156/eug-1-2008-art-4

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