Familie und Alter – Lebensformen zwischen Deinstitutionalisierung und pflegepolitischer Reinstitutionalisierung

Jonas Hagedorn, Lisa Neher

Abstract


In den 1960er-Jahren beginnt die Familie bürgerlichen Zuschnitts ihre normative ›Monopolstellung‹ zu verlieren. Es kommt zu einer Erosion der normativen Verbindlichkeit des bürgerlichen Familienmusters. Dieser Prozess wird mit Hartmann Tyrell als »Deinstitutionalisierung« beschrieben. Nahezu zeitgleich zu dieser Entwicklung tritt eine Generation auf den Plan, die die vormals der Familie – insbesondere den Müttern – obliegenden Sorgetätigkeiten für (Klein-)Kinder neu organisieren. Während die Sorgearbeit für (Klein-)Kinder also eine ›familienferne‹ Institutionalisierung erfährt, ist im Bereich der Pflege hochbetagter Menschen die Familie bis heute einer besonderen Beanspruchung ausgesetzt, die der konstatierten Deinstitutionalisierung eigentümlich entgegensteht. Just die Generation, die vor etwa 50 Jahren einen neuen Typus der Kinderbetreuung, -versorgung und -erziehung etablierte, wird in Kürze selbst pflegebedürftig.
Ist eine Pflegepolitik heute noch zeitgemäß, die hartnäckig auf den ›katholisch-familialistischen‹ Grundsatz »ambulant vor stationär« setzt? Kann diese Ausrichtung den gestiegenen Anforderungen an die Pflegenden gerecht werden? Wird das Subsidiaritätsprinzip womöglich missbräuchlich in Stellung gebracht, um an der kostengünstigen Angehörigenpflege festzuhalten und den Aufbau eines servicebasierten Pflegesystems mit hoher öffentlicher Finanzierung zu vereiteln? Diesen Fragen geht der Artikel nach und unterzieht die pflegepolitische ›Reinstitutionalisierung‹ der Familie einer sozialethischen Reflexion.

In the 1960s, the model of the traditional nuclear family starts to lose its normative ›monopoly‹ in Western societies. This process described as »de-institutionalization« by Hartmann Tyrell is characterized by an erosion of the normative binding forces of traditional family structures. Also at the time, the upcoming generation began to regard childcare, which used to be a matter of the family – and especially of the mothers –, as a responsibility of the public sphere. Whilst childcare experienced a steady ›extra-familial‹ institutionalization, care of the elderly remains a special responsibility within traditional family structures. This appears contradictory to the process of de-institutionalization of the nuclear family. Before long, the generation which persuaded the institutionalization of childcare will be need for care.
Are care politics adequate today that remain strictly within the confines of the ›catholic-familial‹ principal »ambulant before in-patient«? Does it meet the increasing demands on caregivers? Might it be possible that the advocacy of the subsidiarity principle is just another way to keep a hold on lower-cost familial caregivers rather than developing a service based and public-financed care system? This article follows these questions and puts the ›re-institutionalization‹ of family care underneath social ethical scrutiny.

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DOI: http://dx.doi.org/10.18156/eug-1-2017-art-6

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