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Haben und mehr Wollen. Eine ethische Begründung von Wachstum

Andrea Günter

Abstract


Traditionellerweise wird die Idee des Wollens vom Mangel her gedacht. Damit
bleibt unberücksichtigt, dass die meisten, die wollen, schon haben, also in An-
betracht des Habens weiterhin und Weiteres wollen. Platon ist derjenige, der in
seiner Schrift »Politeia« das Paradigma des Mangels kritisiert und stattdessen ei-
ne genealogische Struktur von Haben-und-Wollen entwirft: ein Haben und Wollen
inmitten der Zeiten, der Beziehung und dem (politschen) Raum. Das Wollen kann
somit nicht länger als (berechtiger) Ausdruck der Bedürfnisbe- friedigung verstan-
den werden, sondern ist ethisch qualifiziert: Das Haben-und-Wollen wird zu einem
Mehr-Wollen, wobei sich das Mehr gerade nicht als das Mehr des Habens, sondern
als das Mehr zum Haben herausstellt. Platons Analyse verdeutlicht die Verschrän-
kung von Ökonomie und Politik als einen wechselseitigen Prozess der Dezentrierung
von Macht und bildet damit einen deutlichen Gegensatz zur Trennung der beiden Be-
reiche, wie Aristoteles sie – als Ausgangspunkt stabiler, unveränderlicher Verhält-
nisse – in seinem Gegenentwurf behaupten wird.


In traditional thought, desire is caused by deficiency. This concept neglects the fact that the majority of those who desire at the same time already have: in view of having they still remain people who desire – and desire more. In his book «Politeia», Plato has given a critique of the paradigm of deficiency und has instead developed a genealogical structure of having and desiring – having and desiring in the midst of time, relationship and (political) space. Desiring is thus no longer an indication of need, but is qualified ethically. Having-Desiring means desiring more; not in the sense of the «desire of having more» but «more than having». Plato’s analysis depicts the relation of economy and politics as a process of mutual de-centring of power. Thus, his concept forms a clear contrast to Aristotle, who developed his counter-concept of separate political and economic spheres as a ground for stable, non-changeable order.

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DOI: http://dx.doi.org/10.18156/eug-2-2009-art-5

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