Nr. 1 (2019)

Öffentliche Theologie

 

Erneut wird ein »Strukturwandel der Öffentlichkeit« ausgemacht, diesmal durch all die Sachverhalte und Entwicklungen angetrieben, die gemeinhin unter dem Stichwort »Digitalisierung« verhandelt werden. Nicht zuletzt in Reaktion darauf bemüht man sich an unterschiedlichen Orten von Theologie und Kirchen sowie in unterschiedlichen theologischen Disziplinen wieder vermehrt um die »Öffentliche Theologie«. Jedoch ist sie nicht neu. »Öffentliche Theologien« gibt es seit mindestens dreißig Jahren; und sie gibt es in protestantischen wie römisch-katholischen Konfessionen der christlichen Theologie: Schon in den 1970er Jahren schrieben in den USA mit Martin E. Marty and David Tracy ein lutherischer und römisch-katholischer Theologe in Chicago über Öffentliche Theologie.

Was »Öffentliche Theologie« ist, darüber besteht zwischen denen, die sie betreiben, kein Einverständnis: Gerade von Kritikern wird »Öffentliche Theologie« als ein kirchenpolitisches Programm verstanden. Im akademischen Diskurs steht »Öffentliche Theologie« vor allem für ein Forschungsprogramm der Theologie. Dann geht es darum, die öffentliche Präsenz von Glauben, Christentum oder christlichen Kirchen aufzuklären und den Öffentlichkeitsbezug des christlichen Glaubens bzw. den der Kirchen zu rekonstruieren. Das Adjektiv ›öffentlich‹ markiert eine wesentliche und theologische Forschung herausfordernde Eigenschaft des Gegenstands theologischer Forschung. »Öffentliche Theologie« steht aber auch für ein Wissenschaftsprogramm christlicher Theologie: Christliche Theologie versteht sich dann selbst als Diskurs, der in unterschiedlichen Öffentlichkeiten betrieben wird. Gute Theologie tritt in all ihren Öffentlichkeiten - und d.h. auch in den säkularen Öffentlichkeiten pluraler Gesellschaften - auf, kennt und beherrscht die jeweiligen Bedingungen öffentlicher Kommunikation, kann deswegen ihren unterschiedlichen Öffentlichkeiten - und eben auch in den gesellschaftlichen Öffentlichkeiten - entsprechend diskursfähig auftreten. ›Öffentlich‹ markiert dann vor allem die Vollzugsform wissenschaftlicher Theologie. Schließlich bewegen sich »Öffentliche Theologien« auch zwischen diesen beiden Polen, etwa wenn das Erste erforscht wird, um das Zweite kompetent betreiben zu können oder wenn das Erste auf dem Wege des Zweiten erforscht wird. Oder wenn christliche Kirchen durch wissenschaftliche Theologie unterstützt werden, ihren - theologisch aufgeklärten - Öffentlichkeitsbezug kompetent zu vollziehen.

In diesem Themenheft von »Ethik und Gesellschaft« findet sich alles drei: »Öffentliche Theologie« erstens als Forschungsprogramm, zweitens als Wissenschaftsprogramm sowie drittens als Forschungs- und Wissenschaftsprogramm zugleich. Über diese Differenz hinweg finden die Beiträge ihre Gemeinsamkeit vor allem darin, dass sie sich materialiter vor allem um zwei Sachverhalte dessen kümmern, was man »Öffentlichkeit« nennt: Um digitale Medien, über die öffentliche Kommunikation vermittelt und zugleich bestimmt wird, und um die Säkularität öffentlicher Kommunikation. Möglicherweise schlagen die damit angesprochenen Entwicklungen und der darüber laufende »Strukturwandel der Öffentlichkeit« auf das Verständnis zurück, das man von der »Öffentlichkeit« hat. In diesem Sinn steht in dem vorliegenden Themenheft auch der Begriff der Öffentlichkeit »infrage«.

Redaktion: Christoph Hübenthal, Torsten Meireis und Florian Höhne


Im Rezensionsteil geht es um Neuerscheinungen zur Theologischen Ethik, zur Diskussion um Armut in Deutschland, zum Verhältnis von Politik, Recht und Religion sowie zur Rolle der Justiz in der Demokratie. Außerdem werden neue Titel zum Populismus, zur Wohlfahrtspflege und zur »geistig-moralischen Wende« sowie ein neuer Band von Hans Joas rezensiert. Zudem werden auch Neuerscheinungen zu Jürgen Habermas und Martha Nussbaum besprochen.

Redaktion Besprechungsteil: Hermann-Josef Große Kracht und Tim Eckes

Inhaltsverzeichnis

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