Nr. 1 (2022)

Wohnvermögen

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Wohnvermögen

Eine Wohnung ist gleich in mehreren Hinsichten lebenswichtig: als Schutzraum für Grundbedürfnisse und Rückzugsraum gegenüber Anforderungen von außen, aber auch als sozialer Ort zur Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und als zentraler Ausgangspunkt der eigenen Teilnahme und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

Aus diesen Gründen kommt es nicht nur auf das Vorhandensein einer Wohnung überhaupt an, sondern auch auf ihre Ausstattung: Heinrich Zille wird das bittere Urteil zugeschrieben, man könne einen Menschen mit einer Wohnung erschlagen wie mit einer Axt. Und es ist eine Binsenweisheit der Maklerbranche, dass es nicht nur auf die Wohnung selbst und ihre Ausstattung ankommt, sondern auch auf ihre Lage. Auch deswegen ist Wohnraum nur in schrumpfenden, verbauten Städten oder in infrastrukturschwachen ländlichen Gebieten günstig, in denen auskömmliche Erwerbsarbeit rar ist, Wege weit und das Wohnen trist.

Die schon seit geraumer Zeit anhaltende Wohnungsknappheit vor allem in Metropolregionen macht auf das Problem des zwischen Bürger*innen, aber auch zwischen Privatleuten und Öffentlichkeit (z.B. kommunalen Wohnungsbaugesellschaften) ungleich verteilten Wohnvermögens aufmerksam. Der Begriff des 'Vermögens' liegt hier besonders nahe, weil er nicht nur auf subjektive Fähigkeiten, sondern auch auf objektive Güter und damit die vielfältige Verflochtenheit des Wohnens verweist. Wer sich seine Wohnung frei aussuchen möchte, benötigt zunächst einmal Vermögen im Sinne ökonomischen Kapitals - aber in der Regel ist die Wohnung und ihre Lage auch zentrale Voraussetzung dafür, um überhaupt Geld verdienen zu können.

Doch auch Vermögen im Sinne kulturellen Kapitals ist nicht unerheblich: Wer über marktgängige Bildung verfügt und gut bezahlte Erwerbsarbeit vom Rechner in einem Home-Office aus erledigen kann, ist in der Wohnungswahl freier und kann sich vielleicht auch das Experiment neuer kommunitärer Wohnformen leisten. Und natürlich ist die Bildung und Erhaltung sozialen Kapitals, sozialer Beziehungen, die das Leben erleichtern und lebenswert machen, im Stadtquartier so wichtig wie im ländlichen Raum: in beiden spielen naturnahe Erholungs- und kulturelle Freiräume eine bedeutsame Rolle.

Hinzu kommt: Je geringer das öffentliche Vermögen ist, desto mehr sind Menschen auf - in der Regel ungleich verteiltes - privates Vermögen angewiesen. Ungleich verteilt sind aber auch die Chancen zur Wohn-Vermögensbildung, die allerdings nicht unbedingt privat erfolgen muss, sondern auch kommunitär möglich ist (Genossenschaften, Mietersyndikate, Projekte gemeinsamen Wohnens und Arbeitens).

Redaktion: Julian Degan, Bernhard Emunds, Lukas Johrendt, Torsten Meireis und Clemens Wustmans.

 

Uwe Höger
Wohn-Vermögen.
Zur wohnungswirtschaftlichen, politischen und biographischen Bedeutung des Einfamilienhauses in Deutschland
Artikel

Gisela Schmitt
Wohnen auf gemeinsamem Boden
Artikel

Corinna Hölzl
Potenziale und Grenzen von Housing Commons zur Reduzierung der Ungleichverteilung von urbanem Wohnvermögen. Das Beispiel des Mietshäuser Syndikats
Artikel

Vanessa Lange, Jan Üblacker
Ländliche Gentrifizierung und soziale Konflikte.
Das Beispiel Gerswalde bei Berlin
Artikel

Julian Degan
Die Entwicklung der Wohnraumpreise. Wie die Wohnungsfrage wieder zu einer sozialen Frage wurde.
Artikel

Torsten Meireis, Lukas Johrendt, Clemens Wustmans
Die Stadt als Garten. Zum Recht auf urbanes Wohnen im Nachhaltigkeitskontext
[Artikel wird demnächst online gestellt.]


 
Rezensionen

Im Besprechungsteil werden diesmal 20 neue Bücher aus den Bereichen der Sozialethik und der Soziologie, der Politikwissenschaft, der Philosophie und der Theologie vorgestellt. Es geht u.a. um Sozialethik als Kritik, um revolutionäres Christentum und ein Jubiläum zur Befreiungstheologie. Es geht aber auch um Perspektiven der Alterssicherung, die Migrationspolitik des Papstes und das Verhältnis von Theologie und Digitalisierung.

Im Blick auf die Politikwissenschaft werden u.a. neuere Publikationen zur Demokratie und zum Populismus, zu Ambivalenzen der Gleichheit, zu verkannten Leistungsträgern und zum Verhältnis von Sozialstaat und bürgerschaftlichem Engagement besprochen. Hinzu kommen Werke zum politischen Liberalismus, zu Judith Butler und zu Hannah Arendt.

Hervorgehoben wird das ausführliche Besprechungsessay von Eva Geulen aus Anlass von Juliane Rebentischs neuem Arendt-Buch.

Redaktion: Hermann-Josef Große Kracht und Tim Eckes.

 

Volker Stümke
Wanderndes Gottesvolk?
Mariano Barbato über die Migrationspolitik von Papst Franziskus
[Mariano Barbato (2020): »Die Mauer ist keine Lösung«. Die Migrationspolitik von Papst Franziskus, Frankfurt a.M. / New York: Campus. 305 S., ISBN 978-3-593-51282-2, EUR 39,95.]
Rezension

Hendrik Klinge
Theologie als Hashtag. Neuere Sammelbände zum Verhältnis von Theologie, Ethik, Künstlicher Intelligenz und Digitalisierung
[Wolfgang Beck / Ilona Nord / Joachim Valentin (2019): Theologie und Digitalität. Ein Kompendium, Freiburg i.Br.: Herder. 524 S., ISBN 978-3-451-38849-1, EUR 39,00.
Gotlind Ulshöfer / Peter G. Kirchschläger / Markus Huppenbauer (2021): Digitalisierung aus theologischer und ethischer Perspektive. Konzeptionen – Anfragen – Impulse, Baden Baden: Nomos. 310 S., ISBN 978-3-8487-8009-9, EUR 42,00.
Benjamin Held / Frederike van Oorschot (2021): Digitalisierung. Neue Technik – neue Ethik?, F-E-S-T Forschung 1, Heidelberg: heiBOOKS. 269 S., ISBN 978-3-948083-47-2, EUR 27,90 (Open Access)]
Rezension

Michael Ramminger
Klassenkampf, Befreiung oder Perspektive der Armen?
Was von Gustavo Gutiérrez bleiben könnte. Ein Sammelband zur Theologie der Befreiung von Michelle Becka und Franz Gmainer-Pranzl
[Michelle Becka / Franz Gmainer-Pranzl (Hg.) (2021): Gustavo Gutiérrez: Theologie der Befreiung (1971/2021). Der bleibende Impuls eines theologischen Klassikers (Salzburger Theologische Studien interkulturell 21). Salzburg: Tyrolia. 360 S., ISBN 978-3-7022-3946-6, EUR 32,00.]
Rezension

Christof Mandry
Sozialkritik als Ziel oder Methode der Sozialethik?
Ein Sammelband nimmt sich der kritischen Selbstverständigung der christlichen Sozialethik an
[Michelle Becka / Bernhard Emunds / Johannes Eurich / Gisela Kubon-Gilke / Torsten Meireis / Matthias Möhring-Hesse (2020): Sozialethik als Kritik (Ethik und Gesellschaft, Bd.1), Baden-Baden: Nomos. 285 S., ISBN 978-3-8487-6742-7, EUR 59,00.]
Rezension

Michael Quisinsky
Lebensfülle und Gerechtigkeit für alle
Dominikanische Theologie eröffnet internationale Perspektiven im Umgang mit einer drohenden Leerstelle zeitgenössischer Ethik
[Ellen Van Stichel / Thomas Eggensperger / Manuela Kalsky / Ulrich Engel (Hg.) (2020): Fullness of Life and Justice for All. Dominican Perspectives, Adelaide: ATF Press. 321 S., ISBN 978-1925679410, EUR 35,00.]
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Tatjana Schönwälder-Kuntze
Vielstimmiges Nachdenken mit Judith Butler: über ›subtile Ironie‹, Anregungen, Irritationen und mögliche Öffnungen im theologischen Diskurs
[Bernhard Grümme / Gunda Werner (2020): Judith Butler und die Theologie. Herausforderungen und Rezeption, Bielefeld: transcript, 311 S., ISBN 978-3-8376-4742-6, EUR 40,00.]
Rezension

Lars Schäfers
Sozialer Wandel als Gefahr für die Alterssicherung: Anna Karger-Kroll fragt nach der (lebens-)gerechten Rente
[Anna Karger-Kroll (2021): Lebensrealität und Rente. Die Verteilungsprinzipien der gesetzlichen Rentenversicherung angesichts der Pluralisierung der Erwerbs- und Lebensformen. Eine sozialethische Untersuchung (Ethik in den Sozialwissenschaften, Bd. 4), Baden-Baden: Nomos. 350 S., ISBN 978-3-8487-7940-6, EUR 69,00.]
Rezension

Ute Gerhard
Eine Krise der Gleichheit?
Kontroversen um soziale Ungleichheit, Diskriminierung und Diversität
[Jens Kersten / Stephan Rixen / Berthold Vogel (Hg.) (2021): Ambivalenzen der Gleichheit. Zwischen Diversität, sozialer Ungleichheit und Repräsentation, Bielefeld: transcript. 222 S., ISBN 978-3-8394-5172-4, EUR 44,99.]
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Katharina Liesenberg
Der lange Weg zu einer vernünftigen demokratischen Bürger:innenschaft.
Bemerkungen zu Cristina Lafonts Theorie deliberativer Bürgerbeteiligung
[Cristina Lafont (2021): Unverkürzte Demokratie. Eine Theorie deliberativer Bürgerbeteiligung, Berlin: Suhrkamp. 447 S., ISBN 978-3-518-58764-5, EUR 34,00.]
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Martin Breul
Viva la Revolución?
Jürgen Manemann plädiert für ein ›Revolutionäres Christentum‹
[Jürgen Manemann (2021): Revolutionäres Christentum. Ein Plädoyer, Bielefeld: transcript. 160 S., ISBN 978-3-8376-5906-1, EUR 18,00.]
Rezension

Michael Brugger
Portraits in neuem Rahmen
Nicole Mayer-Ahuja und Oliver Nachtwey sammeln die Stimmen verkannter Leistungsträger:innen
[Nicole Mayer-Ahuja / Oliver Nachtwey (2021): Verkannte Leistungsträger:innen. Berichte aus der Klassengesellschaft, Berlin: Suhrkamp. 567 S., ISBN 978-3-518-03601-3, EUR 22,00.]
Rezension

Dirk Jörke
Die Krise des politischen Liberalismus
Jan-Werner Müller konstatiert eine »zweifache Sezession«, weiß aber auch keine Heilmittel und flüchtet sich ins Normative
[Jan-Werner Müller (2021): Freiheit, Gleichheit, Ungewissheit. Wie schafft man Demokratie? Berlin: Suhrkamp. 270 S., ISBN 978-3-518-42995-2, EUR 24,00.]
Rezension

Lukas Johrendt
Ontologie als radikale Theologietheorie?
Zu Rasmus Nagels Studie Universale Singularität zwischen radikaler Demokratietheorie, Ontologie und Theologie
[Rasmus Nagel (2021): Universale Singularität. Ein Vorschlag zur Denkform christlicher Theologie im Gespräch mit Ernesto Laclau, Alain Badiou und Slavoj Žižek, Tübingen: Mohr Siebeck. 466 S., ISBN 978-3-16-159784-8, EUR 124,00.]
Rezension

Christian Spieß
Gefährliches Wieselwort oder erste Tugend sozialer Institutionen?
Jochen Ostheimers Studie zum Gerechtigkeitsdiskurs im (hegemonialen) Liberalismus
[Jochen Ostheimer (2019): Liberalismus und soziale Gerechtigkeit. Zur politischen Philosophie von Rawls, Nozick und Hayek, Paderborn: Schöningh. 411 S., ISBN 978-3506787972, EUR 105,00.]
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Eva Geulen
Streit-Zeit
Überlegungen zur Logik von Arendts Essayistik aus Anlass von Juliane Rebentischs Arendt-Buch
[Juliane Rebentisch (2022): Der Streit um Pluralität. Auseinandersetzungen mit Hannah Arendt, Berlin: Suhrkamp. 287 S., ISBN 978-3-518-58781-2, EUR 28,00.]
Rezension

Jens Flemming
Diversitäten eines Sehnsuchtswortes
Die Historiker Dietmar Süß und Cornelius Torp schreiben über Erscheinungsformen und Reichweite von Solidarität seit dem 19. Jahrhundert
[Dietmar Süß/Claudius Torp (2021): Solidarität. Vom 19. Jahrhundert bis zur Corona-Krise, Bonn: J.H.W. Dietz. 215 S., ISBN 978-3-8012-0622-2, EUR 20,00.]
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Frank Nullmeier
Ein neuer Kapitalismustyp oder neue Steuerungsformen im Sozialstaat? Silke van Dyk und Tine Haubner analysieren die Verzivilgesellschaftung der Sozialpolitik
[Silke van Dyk / Tine Haubner (2021): Community-Kapitalismus, Hamburg: Hamburger Edition. 175 S., ISBN 978-3-86854-354-4, EUR 15,00.]
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Niklas Ellerich-Groppe
No Country for Old Wo*Men?
Michael Wolffs vergleichende Untersuchung zum normativen Anspruch und zur empirischen Wirklichkeit der Teilhabe älterer Menschen in drei Wohlfahrtsstaaten
[Michael Wolff (2021): Soziale Teilhabe von älteren Menschen. Empirischer Vergleich und sozialethische Reflexion dreier Wohlfahrtsstaaten, Baden-Baden: Nomos. 321 S., ISBN 978-3-8487-8248-2, EUR 64,00.]
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