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1/2021: Pandemie-Nach-Denken

Seit diesem Frühjahr müssen die Verantwortlichen in den Regierungen, in den Einrichtungen und den Betrieben, im Staat, in der Wirtschaft, in den Kirchen und in den Wissenschaften und anderswo schwerwiegende und schnelle Entscheidungen treffen – unter Unsicherheit, bei ständig verändernden Kenntnisstand über das Virus SARS-CoV-2 und seiner Infektionswege, unter hohem Handlungs- und Entscheidungsdruck, bei begrenzten Ressourcen. Es gilt die Pandemie zu managen, gilt das Infektionsgeschehen unter Kontrolle zu halten, die öffentliche Versorgung sicherzustellen und insbesondere das Gesundheitssystem handlungsfähig zu halten – und Wege aus der Pandemie heraus zu eröffnen. Zumal im internationalen Vergleich haben sich die Verantwortlichen in der Bundesrepublik dabei wacker geschlagen und Vernünftiges zustande gebracht. Auch deswegen ist Deutschland vergleichsweise glimpflich und anständig durch die Pandemie gekommen.

Ethik, gleichgültig in welchen wissenschaftlichen Disziplinen betrieben wurde, auch die theologische Sozialethik war in all den Entscheidungen vermutlich keine große Hilfe – und fiel, zumal im Vergleich zu der öffentlich omnipräsenten Virologie, nicht sonderlich auf. Womöglich war es auch nicht die Stunde ethischer Orientierungen, so die dazu herausgeforderten EthikerInnen über Monate hinweg den Entscheidungen der Verantwortlichen hinterher denken mussten, dabei mit deren Schnelligkeit und kurzfristig erworbenen Expertise kaum mithalten konnten.

Wenn sich »die Ethik« in den Zeiten der Pandemie aber als orientierende Kraft nicht erweisen konnte, ist sie womöglich mit ihrer anderen Stärke, in ihrer reflektierenden Urteilskraft gefordert. In dem »Pandemie-Nach-Denken« wird der dringende Handlungs- und Entscheidungsdruck »ausgesetzt« und die Politik der Pandemiebewältigung »um Menschenleben willen« unterbrochen. In der so »künstlich« erzeugten Ruhe kann nachvollzogen werden, mit welchen Gründen gehandelt und entschieden wurde; und es kann abgewogen werden, ob und in welchem Maße diese Gründe im Nachhinein, in der beruhigten, weil handlungs- und entscheidungsentlasteten Reflexion überzeugen können. In dem Themenheft »Pandemie-Nach-Denken« geht es methodisch also erstens um eine »Unterbrechung« der aktuellen Pandemiebewältigung und deren Handlungs- und Entscheidungsdruck und zweitens um die »rückblickende« Abwägung von abgeschlossenen Bemühungen der Pandemiebewältigungen – in dem Wissen darum, dass diese Unterbrechung den Verantwortlichen nicht möglich und nicht erlaubt ist.

In dem angestrebten Nachdenken wird die Legitimität der Entscheidungen in den vergangenen Monaten, wird die Politik der Pandemiebewältigung in Deutschland nicht in Zweifel gesetzt. Es geht stattdessen darum, die Entscheidungen reflektierend zu begreifen, ihre diskursiven Kontexte zu berücksichtigen, ihre kognitiven und normativen Grundlagen aufzuklären, ihre »Blindstellen« aufzuhellen und die nicht intendierten Gemeinheiten, auch das Übersehene oder Vergessene offenzulegen. In diesem Sinn nachdenklich gilt es aus den Entscheidungen der vergangenen Monate für die Zukunft, für kommende und ähnlich aufregende Situationen zu lernen.

Um sich im Nachdenken nicht zu überfordern, werden einzelne, besonders relevante Entscheidungen gesondert bedacht. Damit bringt sich die reflektierende Ethik noch einmal in einen Vorteil, den diejenigen, die in komplexen, aber nicht »überschaubaren« Zusammenhängen zu entscheiden hatten, nicht hatten. Ihre eigene komfortable Lage auch in dieser Hinsicht einholend, wird eine reflektierende Ethik die deutlich riskantere Situation derer, die zu entscheiden hatten, bei ihrem Nachdenken »einpreisen«. Die Vorgehensweise soll die AutorInnen des Themenheftes davor schützen, aus ihren »Komfortzone« heraus die ganz großen Antworten auf die Corona-Pandemie und die ganz großen Zukunftsentwürfe für die Zeit nach der Pandemie vorzulegen – und sich und die Möglichkeiten von Ethik zu überfordern.

Redaktion:  Michelle Becka und Matthias Möhring-Hesse

 

2/2021: Friedensethik und Geopolitik

Redaktion:  Torsten Meireis

 

1/2022: Betongold als Vermögen. Zur Kommerzialisierung von Grund und Boden

Redaktion:  Julian Degan und Bernhard Emunds

 

 

 

Schreiben für ethik und gesellschaft

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