Nr. 1 (2022)

Wohnvermögen


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Bild: wikimedia commons.

Eine Wohnung ist gleich in mehreren Hinsichten lebenswichtig: als Schutzraum für Grundbedürfnisse und Rückzugsraum gegenüber Anforderungen von außen, aber auch als sozialer Ort zur Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und als zentraler Ausgangspunkt der eigenen Teilnahme und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

Aus diesen Gründen kommt es nicht nur auf das Vorhandensein einer Wohnung überhaupt an, sondern auch auf ihre Ausstattung: Heinrich Zille wird das bittere Urteil zugeschrieben, man könne einen Menschen mit einer Wohnung erschlagen wie mit einer Axt. Und es ist eine Binsenweisheit der Maklerbranche, dass es nicht nur auf die Wohnung selbst und ihre Ausstattung ankommt, sondern auch auf ihre Lage. Auch deswegen ist Wohnraum nur in schrumpfenden, verbauten Städten oder in infrastrukturschwachen ländlichen Gebieten günstig, in denen auskömmliche Erwerbsarbeit rar ist, Wege weit und das Wohnen trist.

Die schon seit geraumer Zeit anhaltende Wohnungsknappheit vor allem in Metropolregionen macht auf das Problem des zwischen Bürger*innen, aber auch zwischen Privatleuten und Öffentlichkeit (z.B. kommunalen Wohnungsbaugesellschaften) ungleich verteilten Wohnvermögens aufmerksam. Der Begriff des 'Vermögens' liegt hier besonders nahe, weil er nicht nur auf subjektive Fähigkeiten, sondern auch auf objektive Güter und damit die vielfältige Verflochtenheit des Wohnens verweist. Wer sich seine Wohnung frei aussuchen möchte, benötigt zunächst einmal Vermögen im Sinne ökonomischen Kapitals - aber in der Regel ist die Wohnung und ihre Lage auch zentrale Voraussetzung dafür, um überhaupt Geld verdienen zu können.

Doch auch Vermögen im Sinne kulturellen Kapitals ist nicht unerheblich: Wer über marktgängige Bildung verfügt und gut bezahlte Erwerbsarbeit vom Rechner in einem Home-Office aus erledigen kann, ist in der Wohnungswahl freier und kann sich vielleicht auch das Experiment neuer kommunitärer Wohnformen leisten. Und natürlich ist die Bildung und Erhaltung sozialen Kapitals, sozialer Beziehungen, die das Leben erleichtern und lebenswert machen, im Stadtquartier so wichtig wie im ländlichen Raum: in beiden spielen naturnahe Erholungs- und kulturelle Freiräume eine bedeutsame Rolle.

Hinzu kommt: Je geringer das öffentliche Vermögen ist, desto mehr sind Menschen auf - in der Regel ungleich verteiltes - privates Vermögen angewiesen. Ungleich verteilt sind aber auch die Chancen zur Wohn-Vermögensbildung, die allerdings nicht unbedingt privat erfolgen muss, sondern auch kommunitär möglich ist (Genossenschaften, Mietersyndikate, Projekte gemeinsamen Wohnens und Arbeitens).

Redaktion: Julian Degan, Bernhard Emunds, Lukas Johrendt, Torsten Meireis und Clemens Wustmans

 

Im Besprechungsteil werden diesmal 20 neue Bücher aus den Bereichen der Sozialethik und der Soziologie, der Politikwissenschaft, der Philosophie und der Theologie vorgestellt. Es geht u.a. um Sozialethik als Kritik, um revolutionäres Christentum und ein Jubiläum zur Befreiungstheologie. Es geht aber auch um Perspektiven der Alterssicherung, die Migrationspolitik des Papstes und das Verhältnis von Theologie und Digitalisierung.

Im Blick auf die Politikwissenschaft werden u.a. neuere Publikationen zur Demokratie und zum Populismus, zu Ambivalenzen der Gleichheit, zu verkannten Leistungsträgern und zum Verhältnis von Sozialstaat und bürgerschaftlichem Engagement besprochen. Hinzu kommen Werke zum politischen Liberalismus, zu Judith Butler und zu Hannah Arendt.

Hervorgehoben wird das ausführliche Besprechungsessay von Eva Geulen aus Anlass von Juliane Rebentischs neuem Arendt-Buch.

Redaktion: Hermann-Josef Große Kracht und Tim Eckes.