Nr. 1 (2021)

Pandemie-Nach-Denken


Abstand halten

Bild: Abstand halten, von Ivan Radic (CC BY 2.0)

 

Seit dem Frühjahr 2020 begleitet das SARS-CoV-2 Virus uns Menschen – oder genauer: Seither wissen wir Menschen davon. Man zählt inzwischen (Stand: 09.08.2021) die »vierte Welle« der Pandemie und hat es bislang mit vier besorgniserregenden (»variants of concern«) und vier unter Beobachtung stehenden Mutanten (»variants of interest«) zu tun. In kurzer Zeit wurden wirksame Impfstoffe erfunden und Impfkampagnen aufgezogen. In Deutschland und in anderen reichen Gesellschaften hat sich bereits ein hoher Anteil der Bevölkerung impfen lassen. Vorbei ist die Pandemie deshalb aber noch lange nicht. Dennoch erlaubt sich »Ethik und Gesellschaft« mitten in der Pandemie innezuhalten und auf die Zeit seit dem Frühjahr 2020 zurückzuschauen und über die Pandemie, vor allem aber die Pandemiebewältigung nachzudenken.

Seit bald eineinhalb Jahren müssen die Verantwortlichen in den Regierungen, in den Einrichtungen und den Betrieben, im Staat, in der Wirtschaft, in den Kirchen und in den Wissenschaften und anderswo schwerwiegende und schnelle Entscheidungen treffen – unter Unsicherheit, bei sich ständig veränderndem Kenntnisstand über SARS-CoV-2 und dessen Infektionswege, unter hohem Handlungs- und Entscheidungsdruck, bei begrenzten Ressourcen. Es galt zunächst v.a. die Pandemie zu managen, das Infektionsgeschehen unter Kontrolle zu halten, die öffentliche Versorgung sicherzustellen und insbesondere das Gesundheitssystem handlungsfähig zu halten – und Wege aus der Pandemie heraus zu eröffnen.

Ethik, gleichgültig in welchen wissenschaftlichen Disziplinen betrieben, auch die theologische Sozialethik war in all den Entscheidungen keine große Hilfe – und fiel, zumal im Vergleich zur öffentlich omnipräsenten Virologie, zunächst nicht sonderlich auf. Das änderte sich im Laufe des Jahres 2020, als die Empfehlungen von Ethikrat, Stiko, Leopoldina u.a. nicht nur die Politik beeinflussten, sondern auch in der Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen und diskutiert wurden.

Neben den Bemühungen, analysierend und orientierend zur Entscheidungsfindung (mit-)beizutragen, zeichnet Ethik vor allem reflektierende Urteilskraft aus. Genau diese Stärke soll in dem »Pandemie-Nach-Denken« dieses Themenheftes zum Zuge kommen. Dazu wird der die politische Praxis zumal in Zeiten der Pandemie bestimmende Handlungs- und Entscheidungsdruck außer Kraft gesetzt; die Politik der Pandemiebewältigung »um Menschenleben willen« wird unterbrochen. In der dadurch erzeugten Ruhe kann nachvollzogen werden, mit welchen Gründen gehandelt und entschieden wurde; und es kann abgewogen werden, ob und in welchem Maße diese Gründe im Nachhinein, in der komfortablen Situation handlungs- und entscheidungsentlasteter Reflexion, überzeugen können. Methodisch geht es in diesem Themenheft also darum, die aktuelle Pandemiebewältigung und deren Handlungs- und Entscheidungsdruck zu unterbrechen und die vergangenen Bemühungen der Pandemiebewältigung rückblickend zu bedenken.

»Hinterher ist man immer schlauer«, heißt es – und kritisiert damit zu Recht all die, die mit ihrem aktuellen Kenntnisstand die Entscheidung derer kritisieren, die ohne diese Kenntnisse und ohne ein sicheres Wissen über die Wirkungen ihrer Entscheidungen entscheiden mussten. In dem in diesem Themenheft angestrebten »Pandemie-Nachdenken« geht es nicht um eine solch billige Schlauheit. Deshalb soll die Legitimität der Entscheidungen in den vergangenen Monaten und soll auch die Politik der Pandemiebewältigung in Deutschland nicht in Zweifel gesetzt werden. Es geht vielmehr darum, die Entscheidungen reflektierend zu begreifen, ihre diskursiven Kontexte zu berücksichtigen, ihre kognitiven und normativen Grundlagen aufzuklären, ihre Blindstellen aufzuhellen und die nicht intendierten Gemeinheiten, auch das Übersehene oder Vergessene offenzulegen. In diesem Sinne nachdenklich gilt es aus den Entscheidungen der vergangenen Monate für die Zukunft, für kommende und ähnlich aufregende Situationen zu lernen.

Einige Beiträge in dieser Ausgabe reflektieren politische Entscheidungen, konkrete Situationen und Sachverhalte. Andere lenken den Blick auf – vielleicht vernachlässigte - Zusammenhänge und versuchen zu erfassen, welche gesellschaftlichen Veränderungsprozesse durch die Pandemie in Gang gesetzt bzw. aufgedeckt oder beschleunigt wurden. Es geht nicht um die ganz großen Antworten auf die Corona-Pandemie und um weit ausblickende Zukunftsentwürfe für die Post-Corona-Zeit. Die Autor:innen dieses Themenheftes widerstehen den Versuchungen des Feuilletons. Sie nehmen konkrete Fragen, Probleme und Zusammenhänge in den Blick – und denken darüber nach.

Verantwortliche Redaktion: Michelle Becka und Matthias Möhring-Hesse


Im Rezensionsteil werden Neuerscheinungen zu den Themen Neoliberalismus, Ordoliberalismus und Soziale Marktwirtschaft sowie zum Postwachstums-Diskurs besprochen. Zudem werden zwei Titel rezensiert, die sich mit Künstlicher Intelligenz in der (Alten-)Pflege und der ›Seniorendemokratie‹ befassen. Hinzu kommen Besprechungen von Neuerscheinungen zur kolonialen Gewaltverstrickung der politischen Ideengeschichte, zur potenziellen Macht von Gewaltfreiheit, zum Zustand westlicher Demokratien unter dem Eindruck des Populismus, zur Ideengeschichte des Marktes und zur Geschichte und Theorie des modernen Verfassungsstaates. Ebenfalls besprochen werden eine Dissertation zu Eugen Kogon und ein Sammelband zu Baruch de Spinoza. Zudem kommt die Soziologie prominent vor: Vorgestellt wird ein Grundlagenwerk zur (Theorie der) Religionssoziologie, eine Studie zu den US-amerikanischen Religionen in der ›Ära Trump‹ und eine vielbeachtete Untersuchung zum ›unzufriedenen Volk‹ in Ostdeutschland.

Redaktion Besprechungsteil: Hermann-Josef Große Kracht und Tim Eckes